Als Führungskraft überfordert? Warum Verantwortung irgendwann zu viel werden kann

Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Nach außen läuft eigentlich alles. Du gehst zur Arbeit, triffst Entscheidungen, löst Probleme, führst Gespräche und übernimmst Verantwortung. Andere verlassen sich auf dich – und wahrscheinlich funktionierst du sogar ziemlich gut.

Und trotzdem merkst du irgendwann:

Es wird mir zu viel.

Vielleicht fällt es dir zunehmend schwer, nach Feierabend abzuschalten. Gedanken an die Arbeit begleiten dich nach Hause, Entscheidungen beschäftigen dich länger als früher oder du bemerkst, dass deine Geduld abnimmt. Selbst kleinere zusätzliche Anforderungen können sich plötzlich erstaunlich groß anfühlen.

Gerade Menschen, die beruflich viel Verantwortung tragen, bemerken Überforderung häufig nicht daran, dass sie plötzlich gar nichts mehr schaffen. Oft ist sogar das Gegenteil der Fall: Sie funktionieren noch sehr lange.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, wie du noch besser mit Belastung umgehen kannst, sondern zunächst:

Was genau macht deine Situation eigentlich so belastend?

Warum Überforderung nicht automatisch bedeutet, dass du nicht belastbar genug bist

Wenn Menschen sich beruflich überfordert fühlen, entsteht schnell der Gedanke: „Ich müsste das doch eigentlich schaffen.“

Vielleicht vergleichst du dich mit Kollegen, die scheinbar gelassener mit ähnlichen Anforderungen umgehen, oder du fragst dich, warum dir bestimmte Situationen plötzlich mehr Kraft kosten als früher. Schnell richtet sich der Blick dann nach innen: Bin ich nicht belastbar genug? Muss ich besser organisiert sein? Sollte ich lernen, gelassener zu werden?

Natürlich kann es sinnvoll sein, die eigene Art, mit Stress und Verantwortung umzugehen, genauer anzuschauen. Aber das ist nur eine Seite.

Denn Überforderung entsteht nicht ausschließlich in uns. Manchmal liegt ein Teil des Problems tatsächlich im Außen.

Eine dauerhaft zu hohe Arbeitsbelastung, unklare Verantwortlichkeiten oder widersprüchliche Erwartungen lassen sich nicht allein durch eine bessere innere Haltung lösen. Vielleicht fehlen schlicht die notwendigen Ressourcen oder du hast eine Rolle übernommen, die inzwischen kaum noch zu deinen Vorstellungen davon passt, wie du arbeiten und führen möchtest. Auch ein berufliches Umfeld kann sich verändern – und das, was lange gut funktioniert hat, funktioniert unter neuen Bedingungen plötzlich nicht mehr.

Deshalb betrachte ich berufliche Belastungen immer aus zwei Perspektiven:

Was passiert in dir – und was passiert um dich herum?

Erst wenn wir beides betrachten, können wir sinnvoll entscheiden, wo Veränderung überhaupt ansetzen sollte.

Die Innenperspektive: Was in uns den Druck verstärken kann

Menschen gehen sehr unterschiedlich mit Verantwortung um. Der eine kann eine Aufgabe abgeben und denkt danach kaum noch darüber nach, während ein anderer lieber noch einmal kontrolliert, ob wirklich alles richtig erledigt wurde. Manche Menschen können relativ selbstverständlich Nein sagen, anderen fällt es schwer, jemanden zu enttäuschen oder eine zusätzliche Aufgabe abzulehnen.

Hinter solchen Unterschieden stehen häufig Erfahrungen, Überzeugungen und Verhaltensmuster, die wir über viele Jahre entwickelt haben. Vielleicht hast du gelernt, besonders zuverlässig zu sein, hast einen sehr hohen Anspruch an dich selbst oder verbindest gute Führung damit, möglichst für alles Verantwortung zu übernehmen.

Interessanterweise sind es dabei häufig Eigenschaften, die beruflich lange sehr hilfreich waren. Verantwortungsbewusstsein, Leistungsbereitschaft, Empathie und ein hoher Qualitätsanspruch sind schließlich wertvolle Fähigkeiten.

Unter bestimmten Bedingungen können genau diese Stärken jedoch beginnen, dauerhaft Kraft zu kosten. Aus Verantwortungsbewusstsein entsteht dann vielleicht das Gefühl, alles selbst im Blick behalten zu müssen. Ein hoher Qualitätsanspruch entwickelt sich zunehmend zum Perfektionismus. Empathie macht es schwer, Grenzen zu setzen, und aus Leistungsbereitschaft wird irgendwann die Überzeugung:

„Ich darf erst aufhören, wenn alles erledigt ist.“

Dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Nicht, weil diese Eigenschaften grundsätzlich problematisch wären, sondern weil Strategien, die dich lange erfolgreich gemacht haben, unter veränderten Bedingungen möglicherweise angepasst werden müssen.

Die Außenperspektive: Vielleicht passt nicht mehr alles zu dir

Genauso wichtig ist der Blick in die andere Richtung.

Manchmal versuchen Menschen sehr lange, sich selbst an eine Situation anzupassen, die objektiv kaum noch gut zu bewältigen ist. Sie optimieren ihr Zeitmanagement, arbeiten an ihrer Gelassenheit, versuchen besser zu delegieren oder integrieren Entspannungsübungen in ihren Alltag – und trotzdem bleibt das Gefühl:

So kann es eigentlich nicht weitergehen.

Dann sollten wir nicht automatisch nach der nächsten persönlichen Optimierungsstrategie suchen. Vielleicht ist die entscheidendere Frage: Was passt im Außen nicht mehr?

Sind die Erwartungen an deine Rolle realistisch? Hast du genügend Gestaltungsspielraum für die Verantwortung, die du trägst? Stimmen Verantwortung und Entscheidungsmöglichkeiten überhaupt überein? Gibt es ausreichend Ressourcen?

Aber auch grundsätzlichere Fragen können eine Rolle spielen: Passt die Unternehmenskultur noch zu deinen eigenen Werten? Oder hast du dich selbst weiterentwickelt und merkst, dass das berufliche Umfeld, das früher gut zu dir gepasst hat, heute nicht mehr dasselbe für dich bedeutet?

Manchmal liegt die Lösung deshalb nicht darin, sich noch besser an eine Situation anzupassen.

Manchmal braucht die Situation selbst Veränderung.

Resilienz bedeutet nicht, immer mehr aushalten zu können

Resilienz wird häufig missverstanden – fast so, als wäre ein resilienter Mensch jemand, der immer weiter funktioniert, egal wie hoch die Belastung wird.

Für mich bedeutet Resilienz etwas anderes.

Resilienz bedeutet nicht, immer mehr aushalten zu können. Sie hilft auch dabei zu erkennen, was verändert werden muss.

Dazu gehört, eigene Stressreaktionen wahrzunehmen, Gedanken und Gefühle einordnen zu können und auch dann handlungsfähig zu bleiben, wenn Situationen schwierig werden. Aber ebenso gehört dazu, die eigenen Grenzen zu erkennen und bewusste Entscheidungen zu treffen.

Das kann bedeuten, in einer anspruchsvollen beruflichen Situation neue Strategien zu entwickeln, Aufgaben anders zu verteilen oder Erwartungen neu zu verhandeln. Vielleicht braucht es ein schwieriges Gespräch, das schon lange aussteht. Und manchmal gehört auch die ehrliche Frage dazu, ob eine berufliche Situation noch zu dem Leben passt, das man heute führen möchte.

Warum erfolgreiche Menschen ihre Überforderung manchmal besonders spät bemerken

Wer viel Verantwortung trägt, hat häufig gelernt, auch unter Druck handlungsfähig zu bleiben. Das ist zunächst eine große Stärke. Gleichzeitig kann genau diese Fähigkeit dazu führen, eigene Grenzen lange zu übersehen.

Du löst das nächste Problem und dann das nächste. Du übernimmst zusätzlich Verantwortung, weil gerade niemand anderes da ist, oder verschiebst Erholung auf später. Solange du weiterhin funktionierst, gibt es zunächst wenig Anlass, grundsätzlich etwas zu verändern.

Bis du irgendwann bemerkst, dass Dinge schwieriger werden, die früher selbstverständlich waren. Du kannst schlechter abschalten, grübelst häufiger oder deine Geduld nimmt ab. Entscheidungen kosten mehr Kraft. Vielleicht schläfst du schlechter oder stellst fest, dass die Arbeit gedanklich immer mehr Raum einnimmt und andere Bereiche deines Lebens zunehmend in den Hintergrund geraten.

Solche Veränderungen sind keine Einladung zur Selbstdiagnose. Aber sie können ein sinnvoller Anlass sein, genauer hinzuschauen – nicht erst dann, wenn gar nichts mehr geht, sondern bereits dann, wenn du merkst:

So, wie ich gerade arbeite und lebe, möchte ich auf Dauer nicht weitermachen.

Klarheit beginnt mit der Frage: Was genau belastet mich?

Wenn Führungskräfte zu mir kommen, möchte ich deshalb nicht als Erstes wissen, wie wir ihren Kalender noch effizienter organisieren können. Mich interessiert zunächst, was gerade tatsächlich passiert.

Welche Situationen kosten besonders viel Kraft? Welche Verantwortung trägst du tatsächlich – und welche hast du zusätzlich übernommen? Welche Erwartungen werden von außen an dich gestellt und welche stellst du selbst an dich? Wo kannst du gestalten und wo fühlst du dich möglicherweise ausgeliefert? Gibt es Entscheidungen, die du schon länger vor dir herschiebst?

Und schließlich:

Was müsste sich verändern, damit sich dein berufliches Leben wieder stimmiger anfühlt?

Dabei betrachten wir beide Ebenen: die innere und die äußere.

Manchmal entsteht der größte Hebel dadurch, dass du deine eigenen Muster besser verstehst und etwas in deinem Umgang mit Verantwortung, Erwartungen oder Grenzen veränderst. In anderen Situationen wird deutlich, dass nicht nur du dich verändern solltest, sondern auch etwas in deinem beruflichen Umfeld.

Sehr häufig liegt die Antwort irgendwo dazwischen.

Wie möchtest du eigentlich arbeiten und leben?

Gerade wenn Menschen lange im Funktionsmodus waren, beschäftigt sie zunächst vor allem die Frage: „Wie bekomme ich das alles wieder hin?“

Ich stelle gerne noch eine andere daneben:

„Wie möchtest du eigentlich arbeiten und leben?“

Denn vielleicht sollte das Ziel nicht darin bestehen, möglichst schnell wieder genauso leistungsfähig zu werden wie vorher. Mindestens ebenso wichtig ist die Frage, wofür du deine Leistungsfähigkeit überhaupt einsetzen möchtest.

Welche Rolle soll Arbeit in deinem Leben spielen? Was bedeutet gute Führung für dich? Welche Verantwortung möchtest du übernehmen – und welche nicht? Wie viel Gestaltungsspielraum brauchst du? Was möchtest du erreichen? Und wie möchtest du dich dabei fühlen?

Eine solche persönliche Vision ist für mich keine weltfremde Wunschliste. Sie schafft Orientierung. Denn erst wenn du weißt, wohin du möchtest, kannst du sinnvoll beurteilen, welche Veränderungen dich tatsächlich dorthin bringen.

Veränderung kann innen beginnen – und außen sichtbar werden

Aus dieser Klarheit können sehr unterschiedliche konkrete Schritte entstehen. Vielleicht lernst du, Verantwortung anders zu verteilen oder erkennst, dass du nicht jede Erwartung erfüllen musst. Möglicherweise veränderst du deine Art, mit Konflikten oder schwierigen Entscheidungen umzugehen, setzt Grenzen früher oder führst endlich ein Gespräch, das du schon lange aufschiebst.

Es kann aber auch sein, dass du feststellst, dass eine grundsätzlichere berufliche Veränderung notwendig ist.

Parallel dazu kann es sinnvoll sein, die eigene innere Stabilität zu stärken. Genau hier kommt Resilienz ins Spiel. Psychologische Strategien und alltagstaugliche Übungen können dir helfen, Stressreaktionen besser zu verstehen, mit schwierigen Gefühlen bewusster umzugehen und auch in anspruchsvollen Situationen klarer zu bleiben.

Das Ziel ist dabei nicht, dich gegen jede Belastung abzuhärten.

Sondern deine Fähigkeit zu stärken, bewusst zu entscheiden, was du tragen möchtest – und was sich verändern darf.

Wenn du als Führungskraft überfordert bist, musst du nicht erst warten, bis nichts mehr geht

Viele Menschen suchen erst Unterstützung, wenn die Belastung kaum noch auszuhalten ist. Dabei kann es sehr sinnvoll sein, deutlich früher hinzuschauen – gerade dann, wenn du grundsätzlich noch handlungsfähig bist und deshalb häufig mehr Gestaltungsspielraum hast.

Wir können gemeinsam betrachten, welche inneren Muster deine Situation beeinflussen und welche äußeren Bedingungen möglicherweise nicht mehr passen. Daraus entwickeln wir eine klare Vorstellung davon, wie du zukünftig arbeiten und leben möchtest und welche konkreten Schritte zu dir, deiner beruflichen Rolle und deinem Leben passen.

Mehr darüber, wie ich Führungskräfte und Menschen mit beruflicher Verantwortung begleite, erfährst du hier.

Vielleicht ist nicht die Frage, wie du noch mehr schaffen kannst

Vielleicht lautet die wichtigere Frage:

Was davon möchtest du überhaupt noch schaffen müssen?

Überforderung kann ein Hinweis darauf sein, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist – manchmal in uns, manchmal in unserem Umfeld und sehr häufig auf beiden Ebenen gleichzeitig.

Genau deshalb lohnt es sich, beide Seiten anzuschauen.

Denn nachhaltige Veränderung entsteht nicht dadurch, dass wir Menschen immer besser darin machen, schwierige Bedingungen auszuhalten. Sie entsteht, wenn wir verstehen, was wir selbst verändern können – und was sich um uns herum verändern muss.

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